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GETREIDE HAT IMPERIEN GESCHAFFEN UND STÜRZEN LASSEN

GETREIDE HAT IMPERIEN GESCHAFFEN UND STÜRZEN LASSEN

Odessa und unser tägliches Brot

„The first word in a war is spoken by guns – but the last word has always been bread“ Der frühere US-Präsident Herbert Hoover 1943

Der Hafen von Odessa

Am Montag dieser Woche berichtete die Neue Zürcher Zeitung, das erstmals auch Vororte von Odessa von russischen Truppen angegriffen wurden.

Odessa ist ein weltweit bedeutender Hafen für die Ausfuhr von Getreide, Mais und Sonnenblumenöl aus der Ukraine. Laut FAOStat (Food and Ariculture Organization Corporate Statistical Database der United Nations) war die Ukraine 2020 weltweit der viertgrößte Exporteur von Weizen, nach Russland, den USA, Kanada und Frankreich.

Die schwarze Erde (Chernozem), ein besonders fruchtbarer Boden, reich an Phosphor und Ammoniak enthält bis zu 15 Prozent Humus. Vergleichbare Böden bestehen nur zu etwa 3-4 Prozent aus Humus.

Chernozem Böden findet man auch in Südrussland und Kasachstan sowie in den nördlichen Great Plains, vor allem In Kanada. Ukraine wurden daher in vergangenen Jahren oft der Brotkorb Europas genannt.

Die größten Abnehmer des ukrainischen Weizens sind Ägypten, Indonesien, und Bangladesh, gefolgt von den Philippinen, Marokko und Thailand.

Auch Alexander Pushkin, aufgrund antizaristischer Verse aus St. Petersburg verbannt und dank des Einsatzes von Freunden nicht in Sibirien sondern in Odessa gelandet, empfand Odessa als europäische Stadt:

“Ich lebte damals im Getümmel Odessas, dieser staub’gen Stadt, die viel Verkehr, viel heitern Himmel und einen lauten Hafen hat.

Dort wehen schon Europas Lüfte, dort streut der Süden Glanz und Düfte, pulsiert das Leben leicht beschwingt.

Italiens holde Sprache klingt auf allen Straßen; hier Slowenen, dort Spanier; Frankreich, Griechenland hat reiche Kaufherrn hergesandt, Armenier feilschen mit Rumänen; selbst aus Ägypten stellt sich dar Held Mor-Ali, der Ex-Korsar.“

Sehenswert: Rückkehr nach Odessa

Der Fernsehsender ARTE hat 2019 im Rahmen der Reihe Metropolis einen Film über Künstlerinnen und Künstler in Odessa gedreht, der den Schock der Künstler über den Krieg auf der Krim, die Erfahrungen des Maidan und die große Hoffnung auf eine blühende Zukunft Odessas erlebbar macht.

Der Film zeigt unter anderem den Hafen Odessa, in dem der Pianist Alexey Botvinov, weltweit für seine Interpretationen von Rachmaninoff bekannt und Gründer des Odessa Classic Festival, auf einer Freilichtbühne vor dem Hafen spielt.

Der Film lässt ahnen, was hier gerade zerstört wird und macht bewusst, wie sehr die Annexion der Krim seinerzeit als „Randnotiz“ im Westen behandelt wurde. Hier geht es zum ARTE-Film.

So nah und so fern

Unsere große Betroffenheit und Hilfsbereitschaft gegenüber der Ukraine ist  vom gemeinsamen europäischem Geist und der geographischen Nähe geprägt.

Der verstorbene damalige polnische Präsident Lech Kaczynski, der 2008 mit Staatschefs aus dem Baltikum und der Ukraine nach Tiflis flog, um damit für Georgien und gegen Russland ein Zeichen der Unterstützung zu setzen, bemerkte zu diesem symbolischen Besuch:

„Heute ist es Georgien, morgen die Ukraine, übermorgen sind es die baltischen Staaten, und dann ist vielleicht auch mein Land dran, Polen“

Getreide als Machtmittel

Die archaische Bedeutung von Getreide und Brot klingt bei der Nennung des Hafens von Odessa sofort mit.

Die Grundversorgung mit Brot für die Bevölkerung (und alle Armeen) hat Odessa mit seinem Zugang zum Schwarzen Meer und von dort aus auf dem Seeweg über die Meerenge des Bosporus in das Mittelmeer, schon seit jeher attraktiv gemacht. 

Die russische Zarin Katharina die Große eroberte im Russisch-Türkischen Krieg die Schwarzmeerbucht, ließ 1792 eine große Hafenanlage errichten und holte europäische Baumeister an den Ort, die repräsentative Gebäude für Odessa entwarfen und bauten.

Schifffahrtslinien und Eisenbahnen waren und sind für die Versorgung mit Getreide essentiell. Häfen wie Antwerpen, Rotterdam, Odessa und Marseille waren seit jeher Zentren für die Versorgung mit Getreide.

Auch wenn ein Land wie beispielsweise Deutschland nahezu das gesamte Getreide für seine Mehlmühlen im Inland produziert, haben die Rohstoffpreise an den weltweiten Getreidebörsen Einfluss auf den Preis des Getreides, des Mehls und letztlich des Brotes.

Die Gründer einiger der größten weltweiten Getreidekonzerne wie die US-amerikanische Firma Continental Grain stammen aus Antwerpen oder haben wie die Louis Dreyfus Holding ihren Sitz ins Amsterdam. Viele dieser Konzerne haben in den letzten Jahren massiv in den Hafen von Odessa investiert.

Let them eat cake

Im Original „Qu’ils mangent de la brioche“ wird einer französischen Prinzessin zugeschrieben, welche der Nachricht, dass das gemeine Volk sich kein Brot mehr leisten könnte, nonchalant begegnete. Wenig später kam es zur französischen Revolution.

In vielen Ländern ist der Brotpreis staatlich reguliert. Erhöhungen der Weizenpreise und in der Folge der Brotpreise führten in Ägypten, dem Libanon, dem Sudan und vielen anderen Ländern zu Protestbewegungen und Aufständen.

Getreide: unverzichtbar und begehrt 

Einen faszinierenden Einblick in die enge Verbindung von Weizen, Brot, Kultur und politische Entwicklungen bietet das soeben erschienenen Buch „Oceans of Grain: How American Wheat Remade the World“ des Historikers Scott Reynolds Nelson. 

Der amerikanische Geisteswissenschaftler widmet sich in seiner Forschungsarbeit der Verbindung von Lebensmittel, Sozialwesen und Konflikten. Der Name der Hafenstadt Odessa zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch.

Dabei ist Oceans of Grain kein trockenes Geschichtsbuch sondern eine äußerst lebendige Abhandlung, die bisweilen wild durch die Jahrhunderte springt und im aktuellen Kontext viele interessante Aspekte zum Thema Getreide, Brot und Macht enthält:

Siehe auch
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Die Hungersnot (Holodomor) die 1932 in der Ukraine herrschte und an die im Moment oft erinnert wird, war auf die Verstaatlichung der Landwirtschaft und aller weiteren Produktionsebenen durch Joseph Stalin zurückzuführen.

Der Ursprung der Quarantäne, die manche von uns aufgrund einer COVID-Erkrankung im Moment für eine Woche aushalten müssen, geht auf die 40 Tage zurück, die Schiffe mit Getreide lagern mussten, bevor sie in den Hafen von Venedig eingelassen wurden.

Die 40 Tage waren damals ein Erfahrungswert, die Pest, die bisweilen mit Tieren auf den Schiffen mitgereist war, möglichst nicht in die Stadt gelangen zu lassen.

Vieles, was in diesem Buch zu lesen ist, wie das Zitat (1904) „Russia is the shame of Europe. We need to defeat this nation in the name of civilization, in the name of peace, and in the name of humanity„ zitiert in The Russo-Japanese War in Global Perspective. World War Zero, lässt uns heute erschaudern.

Nach einem Bericht der New York Times wird Weizen aus Russland im Moment verstärkt von China nachgefragt.

Öl oder Brot

Während wohlhabende Länder Energiepreise, Energiesicherheit und Nachhaltigkeit diskutieren, geht es für viele arme Länder wie beispielsweise den Yemen, die schon vor dem Krieg in der Ukraine aufgrund eigener Konflikte und Dürreperioden bittere Armut erleben mussten, nun um das blanke Überleben.

Lieferung von Weizen aus der Ukraine gelangt nur noch in geringeren Mengen und aufgrund des Konfliktes und aller Folgen zu extrem erhöhten Preisen in das Land und zu den Hilfsorganisationen.

Es sollte eine Erinnerung an uns alle sein, dass in Europa jährlich drei Million Tonnen Brot weggeworfen werden. Das Brot landet überwiegend im Müll der Privathaushalte, da die meisten Bäckereien das Brot, das sie nicht verkaufen konnten, an Tafeln spenden, an Futtermittelhersteller abgeben, an Spezialgeschäfte abgeben oder zu Semmelmehl verarbeiten.

Handwerklich gutes Brot sehen wir schon lange als Luxus

Die meisten von uns wissen, woher unser tägliches Brot kommt. Der Krieg in der Ukraine schärft das Bewusstsein in vielerlei Hinsicht.

 

Titelbild und Still  © GloriousMe  |  Hafen in Odessa © KMphoto Alamy Stock Foto | Nationaltheater der Oper und Ballett in Odessa © Jerome Cid, Alamy Stock Foto

 

 

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