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Michelle Obama. Mutig.

Michelle Obama. Mutig.

Warum es sich lohnt, das Buch von Michelle Obama zu lesen.
Nein, ich wollte das Buch eigentlich nicht lesen…

 

Denn ich bin seit Jahren ein bekennender Fan von Michelle Obama.
Ich habe ihre Reden im  Präsidentenwahlkampf Clinton versus
Trump, auf YouTube mit Begeisterung verfolgt und geteilt.
Ihre modische Chuzpe bewundere ich und eine zukünftige US-Präsidentin
Michelle Obama hätte ich mir gut vorstellen können.

BY THE EDITOR // KARIN M. KLOSSEK

 

Die massive Kampagne auf allen Kanälen zur Veröffentlichung ihres Buches habe ich mit großer Skepsis verfolgt. Kein Schaufenster einer Buchhandlung oder Online-Hinweis konnte mich verführen. Ich wollte partout nicht desillusioniert werden. Meine Befürchtung war, eine Autobiographie präsentiert zu bekommen, die einen ohne Frage beeindruckenden Lebenslauf und das Leben als First Lady der USA in rosigen, verklärenden Farben schildert.

DABEI HÄTTE ICH AUCH HIER DEM MUT VON MICHELLE OBAMA VERTRAUEN KÖNNEN

An einem nasskalten Morgen auf einer kleinen Ferieninsel in den Niederlanden, als nichts ersehnlicher schien als ein gutes Buch am knisternden Kamin zu lesen und die örtliche Buchhandlung tatsächlich ein Exemplar in der Originalsprache vorrätig hatte, habe ich zugegriffen, um wenigstens den ersten Seiten eine Chance zu geben. Zurück im Alltag, freute ich mich jeden Tag auf den späten Abend, um das Buch endlich wieder in die Hand nehmen zu können.

Michelle Obama beschreibt ihre Kindheit in einem Stadtviertel von Chicago, aus dem nach und nach jeder, der es sich leisten kann, wegzieht und auf den jährlichen Klassenbildern immer weniger weiße Kinder zu sehen sind. Sie schildert die Liebe und eiserne Disziplin ihrer Eltern mit klaren und schonungslosen Worten. Damit der kranke Vater, dem jeder Schritt mehr und mehr Schmerzen verursacht, einen Parkplatz möglichst nahe am Eingang einer Veranstaltung finden kann, erscheint die Familie zu jeder Veranstaltung zeitlich weit im Vorfeld.

Michelle Obama beobachtet den Vater, wie er sich unter unerträglichen Schmerzen aus dem Haus quält, um zur Arbeit in einem Wasserwerk zu fahren, in dem er für die Wartung der Wasserboiler zuständig ist und ihr ist bewusst, dass jedes Angebot an Hilfe von ihm brüsk und schamvoll abgelehnt worden wäre. Der Vater fehlt bis zu seinem frühen Tod keinen einzigen Tag am Arbeitsplatz.

Die Mutter näht die Kleidung der Kinder, hält am Stadtteil fest, setzt in Michelles Schule bessere Lernbedingungen durch und ist später auch im Weißen Haus nur schwer zu beeindrucken. Wichtig ist den Eltern die Ausbildung ihrer Kinder und das Bemühen, sie so wenig wie möglich spüren zu lassen, dass das Geld sehr knapp ist.

Sie vermitteln Michelle und ihrem Bruder, dass es für ihre Träume kein Limit gibt und bestärken sie darin, sich in Princeton und Harvard zu bewerben, lassen ihnen aber gleichzeitig große Freiräume, auf die Vermittlung ihrer Werte im Laufe ihrer Erziehung vertrauend.

Soweit klingt es wie der amerikanische Traum. Michelle Obama schildert jedoch ihre Ängste, ihre Selbstzweifel, ihre Fehler und Unzulänglichkeiten so schonungslos, dass die Autobiographie an keiner Stelle süßlich oder verklärend wirkt. Sie liefert eine schonungslose Analyse ihrer Persönlichkeit, die aufgrund ihrer Erfahrung als Kind und Jugendliche so ganz anders geprägt ist im Vergleich zu ihrem späteren Ehemann Barack Obama.

Während dieser zum ersten Meeting in der Anwaltskanzlei in Chicago strahlend, aber zu spät, kommt und sich im übertragenden Sinne auf dem weiten Ozean wohl fühlt und jede neue Herausforderung liebt, sucht Michelle Obama instinktiv immer das Boot, den schützenden Raum, der ein Minimum an Risiken verspricht.

WOHLTUEND EHRLICH – KEIN AMERIKANISCHER TRAUM

Der Titel „Becoming“ (oder in der deutschen Übersetzung, nicht ganz geglückt, „Meine Geschichte“) ist ein treffender Titel. Die strahlende Michelle Obama auf dem Titelbild hingegen steht im Widerspruch zu ihrer Schilderung der Politik, wie man sie nur als Insider erleben kann. Die alles an Kraft kostenden Gesetzesentwürfe und Initiativen, die ihr Mann in seinen beiden Amtsperioden der Präsidentschaft auf den Weg bringt, werden mit einem Handstrich vom Nachfolger wieder außer Kraft gesetzt.

Siehe auch
Ein GloriousMe Corona Logbuch des Editors Karin Klossek.

Ganz selten geht es um die Sache – fast immer nur um Macht. Beispielsweise gibt es nach jedem Massaker mit Schnellfeuerwaffen in amerikanischen Schulen oder Kindergärten, die Barack Obama bis ins Mark treffen, lediglich die immer gleichen, bedauernden Worte von der Mehrheit der Politiker, aber keine Änderungen bei den Gesetzen, die den Kauf und Waffenbesitz in den USA regeln.

Diese Schilderungen der amerikanischen Politik und der Verantwortung, die jeder Präsident trägt, sind so eindringlich, dass man an ihrem Strahlen auf dem Buch-Cover in Zweifel gerät. Der Nachfolger Trump wird nur an ganz wenigen Stellen im Buch skizziert. Das ist ausreichend, das sitzt und lässt noch weniger hoffen.

Egal, ob sie ihre Zeit an der Harvard Law University, in der Anwaltskanzlei, im Weißen Haus oder beim Staatsbesuch im Buckingham Palace beschreibt. Der selbstkritische, reflektierende Ton macht das Buch lesenswert und an vielen Stellen fällt es leicht, sich mit ihren Gedanken und Gefühlen zu identifizieren.

Für jeden, der nicht als Afro-American in den USA aufgewachsen ist, schafft sie mit ihren Schilderungen eine verstärkte Sensibilität dafür, was es heißt, immer besonders gut sein zu müssen und dennoch in vielen Fällen, selbst in den profiliertesten Positionen, die die Vereinigten Staaten von Amerika zu offerieren haben, als Präsident und als First Lady, nicht wirklich akzeptiert zu werden.

Nach dem Lesen der letzten Seite habe ich sofort weitere Exemplare gekauft, um sie zu verschenken. I have to say: It’s worth every penny and minute you spend on it.

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