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TAGEBUCH – OLD SCHOOL ODER AVANTGARDE?

TAGEBUCH – OLD SCHOOL ODER AVANTGARDE?

Über Sinn und Charakter eines Tagebuches

„Das heißt doch heute Instagram oder Journaling“ Nein. Es gibt wesentliche Unterschiede zum Tagebuch

Tresor 

Samuel Pepys, einer der berühmtesten Männer, die Tagebuch geführt haben, verfasste seine Tagebücher in einer Mischung aus Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch mit zahlreichen lateinischen und griechischen Worten. Zudem verwendete er in einigen Passagen Stenographie-Zeichen.

Zu groß war seine Angst, dass seine Frau das Tagebuch finden und darin von seinen Liebesabenteuern erfahren könnte.

The Diary of Samuel Pepys (1633-1703) sind eine Mischung aus sehr privaten Eintragungen und seinen Beobachtungen als hoher Marinebeamter, der das große Feuer von London ebenso wie die Krönung des englischen Königs Charles II live erlebt hatte und mit spitzer, humorvoller Zunge gesellschaftliche Ereignisse sowie Intrigen und Affären in Politik und Kirche festhielt.

Offenes Buch

Während Samuel Pepys alles versuchte, damit sein Tagebuch zu Lebzeiten von niemandem gelesen werden konnte und sie dann zusammen mit einer unmfangreichen Bibliothek der University of Cambridge vermachte, veröffentlicht die renommierte und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete australische Schriftstellerin Helen Garner ihre Tagebücher.

So lässt sie beispielsweise in „How to End a Story“ die Leser das Scheitern ihrer Ehe, von den ersten kleinen Voranzeichen, über emotionale Tumulte bis hin zum Rückblick über alle Phasen ihrer Tagebucheintragungen miterleben.

Die ungeschönte Sprache ist ein wesentliches Merkmal von Tagebüchern. Niemand ist nur rational sondern in manchen Bereichen des Lebens unlogisch oder hin- und hergerissen.

James Joyce, dessen Ulysess in diesem Jahr 100. Geburtstag feierte, spricht vom stream of consciousness, dem Strom der Gedanken, der eher einem Wildbach als einem schnurgeraden Kanal gleicht.

Darin liegt der größte Unterschied zu vielen Instagram Kanälen, die einen Tagebuchcharakter vorgeben, in der Mehrheit der Fälle jedoch stark kuratiert, selektiert und in manchen Fällen schlicht Fake sind.

Der Tag des Tagebuches

Der internationale Tag des Tagebuches ist jeweils der 12. Juni und bezieht sich damit auf ein Tagebuch, das traurige Berühmtheit erlangt hat: Das Tagebuch der Anne Frank.

Anne Frank hielt in diesem Tagebuch ihre Erlebnisse während des Nazi-Regimes in den Niederlanden fest, als sie und ihre Familie vier Jahre in einem Verlies verborgen lebten, bevor die jüdische Familie verraten wurde und in das Konzentrationslager Auschwitz und Anne Frank und ihre Schwester später nach Bergen-Belsen deportiert und ermordet wurden. Nur der Vater überlebte.

Mehr über dieses wichtige Tagebuch und die Geschichte von Anne Frank und ihrer Familie sind auf der ausgezeichneten Homepage des Anne Frank Haus in Amsterdam zu finden.

Dokumentierter Schrecken

Ein GloriousMe Leser erzählte uns, dass die Tagebuchaufzeichnungen seines Vaters, der im zweiten Weltkrieg zunächst in englische Gefangenschaft geraten war und dann als Kriegsgefangener in die USA kam, im Rückblick für sein eigenes Leben sehr prägend gewesen waren.

Auch heute gibt es tagebuchähnliche Berichte von Frauen und Männern in der Ukraine, die über ihr Leben im Krieg berichten. Sie finden die Ukraine War Diaries bei Apple Podcasts.

1000 Bilder und/oder 1000 Worte

Reiserlebnisse kann man mit 1000 Bilder oder 1000 Worten oder vielleicht auch 10 Aquarellen festhalten.

Sieht man bei berühmten Tempeln, Pyramiden oder Gärten Hunderte von Smartphones in die Luft gereckt, vergeht die Lust, sich auch noch in diese Menge einzureihen.

Nur mit den Augen und nicht mit dem Telefon davor zu sehen und das Erlebte am Abend in einem Reisetagebuch festzuhalten, hat bisweilen den größeren Reiz sowie den intensiveren und individuelleren Erinnerungswert.

Es muss nicht gleich ein umfangreiches Werk wie die 8 amerikanischen Reisetagebücher von Alexander von Humboldt sein, der in winzigen Buchstaben mit mikroskopisch kleiner Schrift seine Reisetagebücher verfasste und nachträglich mit Notizen und Hinweisen zu Querverweisen versah.

Es brauchte drei Jahre, diese Notizen in rund 75.000 Bilder zu scannen, die nun Online über die Staatsbibliothek in Berlin jedem Interessierten zugänglich sind.

Wir selbst nutzen oft und gerne Tagebücher, die von Künstlern, wie beispielsweise dem französischen Zeichner Jean-Jacques Sempé gestaltet sind. Selbst wenn wir nicht verreisen, sondern uns Zuhause etwas beschäftigt, das wir schriftlich festhalten wollen.

Wenn der Abend kommt

Der Abend ist die ideale Zeit, Tagebuch zu schreiben. Die Ereignisse des Tages in einem Tagebuch zu notieren ist ein guter Weg, sie zu verarbeiten, im positiven wie im negativen Sinn.

Vielen hilft das Schreiben des Tagebuchs, um danach erholsameren Schlaf zu finden und manchmal festzustellen, dass man über Dinge, die einen sehr verletzt oder geärgert hatten, schon beim notieren lächeln kann.

Darin liegt ein Unterschied zum Journaling, um das mittlerweile eine kleiner Selbsthilfe-Markt entstanden ist. Hier empfiehlt man eine bestimmte Struktur für die Notizen, beispielsweise ein bewusstes Danksagen an die positiven Dinge des Tages oder man rät Fortschritte oder Entwicklungen zu notieren. 

Das Tagebuch hingegen erzählt frisch von der Leber weg. 

Papier schweigt und kann leichter entsorgt werden

Siehe auch

Ein Tagebuch mit der Hand zu schreiben, hat einige Vorteile. Da viele von uns von morgens bis abends mit Tastaturen und Screens arbeiten, ist der handschriftliche Modus eine willkommene Grenze zum Privaten.

Gutes Papier in einem edlen Tagebuch sind ein schöner haptischer Anreiz.

Manche Tagebuchverfasser verbrennen ihre Tagebücher nach vielen Jahren. Was nicht gegen das Tagebuch sondern für eine gute Weiterentwicklung der Persönlichkeit spricht.

Auch Skizzen, Restaurantrechnungen oder Opernkarten finden in der Papierversion einen schönen Platz. Wer schaut sich diese als Scan auf der externen Festplatte an oder möchte seine privaten Gedanken in der Cloud wissen?

Fotografien © Glorious Me | Tagebuch der Anne Frank 28. Sep 1942 © Photo Vault / Alamy Stock Foto

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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