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ABTAUCHEN, ABSCHALTEN UND AUFTAUCHEN AUS MELANCOVID

ABTAUCHEN, ABSCHALTEN UND AUFTAUCHEN AUS MELANCOVID

Zuhause oder an einem vertrauten Ort

„Lediglich 22.6 Prozent der Bevölkerung in Deutschland möchte wieder zu Lebensfülle und Risikobereitschaft der Vor-Corona-Zeit zurückkehren“ hat das Institut Rheingold in einer aktuellen Untersuchung festgestellt

Melancovid

Mit der Wortschöpfung Melancovid beschreibt Rheingold in seiner Studie die Empfindungen vieler Menschen nach zwei Jahren Pandemie und unter dem Eindruck des Krieges in der Ukraine. 

Melancholisch und erschöpft, möchten viele den kleinen privaten Lebenskreis, in den sie sich in Pandemie-Zeiten zurückgezogen haben, auch nach Öffnungs- und Lockerungsmaßnahmen beibehalten.

Der Nachrichten über den Krieg in der Ukraine hat bei vielen zu starker Unsicherheit, Angst und Ohnmächtigkeit geführt. Das Verharren oder der Rückzug in die eigene vertraute Welt, in dem der enge Freundeskreis im Grunde genug ist, erscheint vielen als weiterhin attraktiv.

Der aktuelle Blick auf die Weltpolitik ist düster und die wenigsten sehen Hoffnung auf Besserung am Horizont. Resignation und Antriebslosigkeit konnten die Rheingold-Forscher bei vielen Gesprächen feststellen. Große Übereinstimmung gab es bei den Befragten jedoch zum Thema Hilfsaktionen und Unterstützung für die Menschen in der Ukraine. 

Zu helfen, in welcher Form und in welchem Umfang auch immer, so sagen die Befragten nahezu unisono, ist der einzige Weg, der eigenen Ohnmächtigkeit etwas entgegenzusetzen. 

Rückzug in die private Welt

Der Rückzug in eine bekannte, überschaubare und als wohltuend empfundene Welt ist kein neues Phänomen. Im Biedermeier gab es den gleichen Wunsch. In den Bildern von Spitzweg ist diese beschauliche Welt scheinbar idyllisch festgehalten. In einigen Details und Symbolen kann der Kundige jedoch das damalige repressive politische Umfeld erkennen.

Nach den Anschlägen von 11 September 2001, wurde der Begriff Cocooning populär, der den Wunsch, mehr Zeit im geschützten eigenen Zuhause verbringen zu wollen.

Gute Zeiten für Architekten, Interior-Designer, Einrichtungshäuser und alle anderen, deren Produkte und Dienstleistungen dazu geeignet sind, dem eigenen Zuhause zu einem noch behaglicheren Ort werden zu lassen.

Ein Blick in einen gut sortierten Zeitschriftenladen ergibt in diesen Tagen ein ähnliches Bild: Magazine, die eine Wohlfühlatmosphäre im eigenen Heim, im Garten, in der Küche oder der eigenen Seele versprechen, dominieren die attraktiven, frequenzstarken Regalmeter. 

Reisezeitschriften, die früher am Eingang platziert waren, findet man mittlerweile in den hinteren Bereichen. Man muss schon gezielt danach suchen.

Abtauchen und erholt wieder auftauchen

Den Wunsch, der eigenen Seele etwas Gutes zu tun und für eine Zeitlang abzutauchen, auch mal nicht erreichbar zu sein und Kräfte zu sammeln, können wir gut nachvollziehbar.


Unsere Empfehlung ist ein wohldosierter Mix von Vertrautem und der Welt außerhalb des eigenen Zuhauses. Denn selbst im ansprechendsten Ambiente kann man beginnen, sich im eigenen Kreis zu drehen.

Ein Ort, ein Land, eine Landschaft, die man bereits von früheren Aufenthalten her kennt, lässt sich Rückzugsort in der Ferne gut nutzen.

Perspektivenwechsel

Jede Erfahrung außerhalb der eigenen vier Wände, selbst wenn man das Reisen erst wieder ein wenig einüben muss, hat den unbezahlbaren Vorteil eines Perspektivenwechsels. 

Sich den Wind um die Nase wehen zu lassen hilft, die Melancholie, die sich eingeschlichen hat, weichen zu lassen und die Welt wieder ein Stück weit hinein und sich darin hinaus zu lassen.

Slow-Travel

Egal ob es ein Zelt, ein Tiny House oder ein Yoga-Retreat in einer vertrauten Gegend oder ein Hotel in einer vertrauten Stadt ist. 

Kein Abarbeiten der „Zehn wichtigsten Sehenswürdigkeiten“ sondern atmen und sein, spüren und sehen, riechen und lächeln. 

Siehe auch
Ein Mantra hilft, die wichtigsten Ziele im Leben zu erreichen.

Der Luxus können frische Blumen im Hotelzimmer sein, die man am Markt entdeckt hat oder der Duft einer Bäckerei.

Für uns ist La Serenissima, der Ort, an den es uns zieht. Seit der Kindheit vertraut, durch Kreuzfahrtouristen über lange Zeit überrannt, im Moment relativ ruhig und reich an spannender moderner Kunst, selbst in den Zeiten außerhalb der Biennale

Der wichtigste Brunnen jedoch, um darin für kurze Zeit abzutauchen und Kraft zu tanken, bevor es dann wieder mit Energie in die Welt geht, ist die Historie Venedigs, die dort auf Schritt und Tritt zu sehen und zu spüren ist.

Die Stadt, in der die Quarantäne ihren Namen erhielt, hat viele Kriege und die Pest gesehen, ihre Schönheit und Anziehungskraft jedoch nicht verloren. Die ersten Siedler Venedigs wollten in der neu gegründeten Ansiedlung in der Lagune blind wütenden Barbaren entgehen.

Kraft schöpfen für eine lange dunkle Zeit

Der Krieg gegen die Ukraine ist grenzenlos grausam und wir fürchten, ein Frieden ist noch nicht abzusehen. Die Menschen in der Ukraine brauchen dringend unsere Unterstützung wie und wo es jedem möglich ist: Sei es im politischen Lobbyismus, sei es in der Hilfe für die Geflüchteten, sei es an anderer Stelle.

Es ist ein Kampf für ein freies, selbstbestimmtes Europa, an das wir glauben und in dem wir leben möchten. Der Kampf der Ukraine ist ein Kampf, der uns alle angeht. Die Ukraine hat im Moment jeden Freund bitter nötig.

Wenn Sie noch keine Zeit gefunden haben, das Interview des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit dem Magazin The Economist sich anzusehen. Hier finden Sie nochmals den Link zum Video, das leider nichts an Aktualität verloren hat.

 

Fotografie © GloriousMe | Benefizkonzert am 10. März 2022 in der Alten Oper Frankfurt am Main

 

 

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