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UKRAINE UND DIE ARROGANZ VON CANNES

UKRAINE UND DIE ARROGANZ VON CANNES

Verwechselt hier jemand Film und Wirklichkeit?

Sind Unternehmenslenker die besseren Schauspieler oder nehmen sie den Krieg gegen die Ukraine im Gegensatz zur Filmbranche ernst? Beim Weltwirtschaftsforum in Davos zeigt man Respekt. Bei den Filmfestspielen in Cannes herrscht gepflegtes Desinteresse.

Lümmeln Sie auch im Kino?

GloriousMe liebt Kinofilme und ein guter Film lässt sich im Kino oder Zuhause idealerweise in entspannter Haltung genießen. Ja, wir lümmeln gerne.

Aber wir würden dies niemals tun, wenn der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj per Videobotschaft aus seinem Land spricht, das sich gegen den Angriff von Russland seit Monaten mit allen Kräften wehrt.

Die Anwesenden der Eröffnung des Filmfestivals von Cannes sahen, obwohl sie wussten, dass viele Kameras im großen Saal auf sie gerichtet sein würden, keinen Anlass dafür, zumindest äußerlich Haltung einzunehmen.

Sehr entspannt sah man viele in ihren Kinosesseln dahin gestreckt, als ginge es bei der Rede um den Monolog eines Schauspielers in einem nicht weiter beachtenswerten Film, den man absitzen muss, um mitsprechen zu können.

Wir haben die Übertragung der Rede von Wolodymyr Selenskyj und die zahlreichen Schwenks der Kamera über das illustre Publikum mitverfolgt und uns dafür geschämt.

Die Arroganz des Premierenpublikums beim Filmfestivals in Cannes 

Haben große Teile des Publikums, die jeden Gala-Auftritt in den sozialen Medien verfolgen, noch nicht mitbekommen, dass es sich bei dem Kriege gegen die Ukraine nicht um einen Film sondern um die blutige Realität handelt?

Bei den Live-Übertragungen der Reden des ukrainischen Präsidenten in die Parlamente der Welt, ob in Washington, London oder selbst im zurückhaltenden Tokio erhält der Mut und die Tapferkeit der Ukraine Standing Ovations.

In Cannes dauerte es unendlich lange, bis sich einzelne und dann nach und nach der Saal erhieb. Einigen Teilnehmern sah man es förmlich an, dass sie sich ohne jede Überzeugung und vermutlich eher mit dem Gedanken der Reaktion des eigenen PR Agenten im Kopf, dann endlich von den breiten Kinosesseln erhoben.

Traurig aber wahr: Wolodymyr Selenskyj erhält jeden Morgen die Meldung, wie viele Kinder, Frauen und Männer am Vortag und in der Nacht gefallen oder schwer verletzt worden sind.

Seine Versuche, an Solidarität im Kampf für die sonst im Feuilleton so hoch geschätzten Werte wie Freiheit zu appellieren und um Unterstützung zu bitten, sind unermüdlich und allein der Blick in seine Augen zeigt, wie viel Kraft dieser Kampf kostet.

Aus dem Kinosessel aufzustehen, schien dagegen so manchem Besucher der Eröffnung des Filmfestivals in Cannes große Mühe abzuverlangen.

In Davos zeigt man noch Haltung

Beim Eröffnungsvortrag des Weltwirtschaftsforums in Davos waren Politiker und Geschäftsleute präsent und alert, dem ukrainischen Präsidenten Respekt und Anerkennung mit Körperhaltung und Applaus zu zollen. 

Der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, konnte stolz verkünden, dass sich schon 70 CEOs zu einer Teilnahme an der Veranstaltung „CEOs for Ukraine“ angemeldet hatten. Eine glänzende Gelegenheit zum Networking.

Als im Anschluss vier weibliche Parlamentarierinnen der Ukraine, die gleichzeitig große Unternehmen und Organisationen in der Ukraine führen, auf dem Podium über die Widerstandskraft der Ukraine sprachen, waren die Reihen schon stark gelichtet.

Eine Rednerin hatte Teile von Originalmunition dabei, die sie in Kiev auf der Straße vor ihrem Haus gefunden hatte und im Anschluss an den aktuellen Leiter des Weltwirtschaftsgipfels überreichte.

Es wird offensichtlich immer schwerer, dem jeweiligen Auditorium das Grauen des Krieges zu vermitteln.

Die Diskussion der Brüder Klitschko in Davos war in einem kleineren Raum organisiert und hauptsächlich von Vertretern von NGO’s besucht. Sie wurde im Livestream übertragen und konnte von jedermann verfolgt werden, der sich (noch) für den Krieg in der Ukraine interessiert.

Was habe ich heute für die Ukraine getan?“

Die Zeit drängt. Das war bei allen Rednern aus der Ukraine deutlich zu spüren. Sie alle versuchten mit sehr anschaulichen Berichten aus dem Krieg das Publikum aufrütteln. Spürten und wusste sie, dass sie ansonsten wohl kein Gehör finden?

Vielen scheinen sich an die Bilder der Zerstörung, die zu Beginn des Krieges noch aufrüttelten, mittlerweile gewöhnt zu haben.

Die Standardfrage der Moderatoren und aus dem Publikum war „Sagen Sie uns, was können wir tun, um die Ukraine zu unterstützen?“ Sie wirkte beinahe hilflos.

Wolodymyr Selenskyj machte klar, dass bei vielen der großen Ankündigungen die Umsetzung zu lange auf sich warten lässt und schloß mit dem Appell, jeder der Anwesenden möchte sich jeden Abend die Frage stellen, was habe ich heute für die Ukraine getan.

Eine ukrainische Politikerin beantwortete die Frage direkter: „Wir bedanken uns für Medizin und Nahrung, aber wenn ihr uns keine Waffen schickt, dann könnt ihr noch lange Zeit Medizin und Nahrung schicken und irgendwann braucht ihr garnichts mehr zu schicken.“

Dann gibt es in der Ukraine keine Empfänger für Hilfslieferungen mehr.

Wie groß oder klein ist die eigene Welt?

Das Premierenpublikum der internationalen Filmfestspiele in Cannes, das sich fraglos als Avantgarde betrachtet, scheint sich in der eigenen kleinen Filmwelt wohl zu fühlen, solange die internationalen Vermarktungsrechte gesichert sind.

Wirtschaft und Ökonomie, oft als herzlos gescholten, zeigten in Davos das größerer Herz und Verständnis dafür, dass die Welt vernetzt und die Freiheit für uns alle in Gefahr sind.

Die soll keine Philippika gegen Filmfestspiele sein. Es gibt auch einige sehr engagierte, meist kleinere Filmfestivals. Dem renommierten Aushängeschild an der Croissette scheint es jedoch zu genügen, ein Messeplatz für Filme und ein Laufsteg für High Fashion zu sein. 

Das Leid in der Ukraine hat es schwer gegen das 9 EUR Ticket

Die Blau-Gelben Fahnen sind im Straßenbild und an anderer Stelle immer seltener zu sehen. Die Feriendestinationen, die man mit dem 9 EUR Ticket in Deutschland erreichen kann, nehmen jetzt die erste Seite so mancher Zeitung ein.

Es scheint, als haben sich viele an den Krieg in der Ukraine gewöhnt und nehmen die immer schwieriger werdende Lage dort und den erbitterten Kampf gegen eine riesige Übermacht an zwei Fronten, Russland und Belarus zu kämpfen, nicht mehr wahr.

Siehe auch

Die Warnungen, dass die Ukraine versucht, das russische Militär zu stoppen, bevor Länder wie Moldawien, Polen oder Rumänien das gleiche Schicksal erleiden, scheinen immer mehr auf taube Ohren zu stoßen.

Es gibt sie noch

Die Menschen, die nach wie vor privat die geflüchteten Menschen in der Ukraine unterstützen, mit Wohnraum, Nahrung, Kleidung und Anteilnahme. Die ihnen helfen, mit der Bürokratie vieler Ämter zurechtzukommen und die mit privaten Initiativen Arbeitsplätze beschaffen.

Ihnen gilt unser Respekt und ebenso unsere Standing Ovations. Jeden Tag.

Die Karawane darf nicht weiterziehen

Dienst nach Vorschrift, lähmende Bürokratie und mangelndes strategisches Denken von Politikern in einigen Ländern führen zu schweren Verlusten auf Seiten der Ukraine.

Tödlich wäre es für die Ukraine, wenn die Karawane weiterzieht und Politiker das Interesse verlieren, sich für das Land einzusetzen, weil andere Themen mehr Kamerazeit und Schlagzeilen versprechen.

Daher sollten wir nicht aufhören, uns selbst aber auch unsere Politiker zu fragen „Was haben Sie heute für die Ukraine getan?“

Fotografien © AlamyStock Foto

75. Filmfestspiele 2022, Katherine Langford bei der Eröffnungsfeier am 17. Mai 2022 in Cannes, Frankreich (Bildquelle: © Terence Baelen/eyepix via ZUMA Press Wire) | Bronzestatue eines Engels mit Palmenzweig im Carlton Hotel von dem Bildhauer Petr Stronskiy © Veniamin Kraskov, Alamy Stock Foto

Aus Kiew, Ukraine, sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelensky auf dem Weltwirtschaftsforum 2022 in Davos, Schweiz. FOTO: Ukraine President’s Office © American Photo Archive / Alamy Stock Foto 

 

 

 

 

 

 

 

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